Die Geschichte einer Idee

Erich CramerErich Cramer wurde am 24. Januar 1904 in Berlin-Friedrichshagen geboren, als einer von zwei Brüdern. Seine Eltern waren der 1869 geborene Metallarbeiter Emil Cramer, der 1898 Anna Martha Küßel, geboren 1875, heiratete. Zwei Jahre vor Kriegsbeginn im Jahre 1937 starb Emil Cramer. Anna Cramer starb 1947. Väterlicherseits war sein Großvater, Wilhelm Cramer, Gärtner, was ihm vielleicht die Liebe zur Natur in die Wiege legte. Mütterlicherseits führte sein Großvater, Johann Carl Küßel, eine Gastwirtschaft.

Im Alter von 20 Jahren tritt Erich Cramer als Graphiker in den Berliner "Architektur- und Kunstverlag Ernst Wasmuth" ein. Diese 1872 von Ernst Wasmuth gegründete Architekturbuchhandlung wurde bald um einen Fachverlag erweitert. Die Firma entwickelte sich rasch zu einem der führenden Architektur- und Kunstbuchverlage, in dem grundlegende Werke publiziert wurden.
Der junge Cramer erwirbt sich dort während seiner achtjährigen Tätigkeit Kenntnisse des herstellenden und vertreibenden Buchhandels. Aber die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Deutschland führten dazu, dass der Verlag in raues Fahrtwasser geriet und ihn entlassen musste.
Erich Cramer, mittlerweile 28 Jahre alt, übernahm umgehend eine freiberufliche Vertriebstätigkeit für den Atlantis-Verlag, der 1930 in Berlin von dem Züricher Martin Hürlimann (1897-1984) und seiner Frau Bettina Hürlimann-Kiepenheuer (1909-1983), die die Tochter des Verlegers Gustav Kiepenheuer war, gegründet wurde. Hürlimann war der Herausgeber der seit 1929 erschienenen Reise-, Kunst- und Kulturzeitschrift "Atlantis". Seine Frau war eine leidenschaftliche Kinderbuchsammlerin. Das Sammelgebiet hing eng mit ihrer beruflichen Tätigkeit zusammen, denn sie betreute im Atlantis-Verlag sie die Bilderbücher. Der Atlantis-Verlag arbeitete auch eng mit dem Wasmuth-Verlag zusammen. Das war also das Milieu, in dem Erich Cramer sich bewegte, und das ihn mit Sicherheit befruchtete. Und schließlich führte diese neue Tätigkeit mit der Unterstützung des Inhabers Dr. Martin Hürlimann zur Gründung einer eigenen Buchhandlung, die 1932 eröffnet wurde. Die "Buchhandlung Erich Cramer"!

1940, der Zweite Weltkrieg war gerade ausgebrochen, wurde Erich Cramer zur Kriegsmarine abkommandiert, wo er bis 1945 diente. Ein Jahr vor Kriegsende wurde seine Buchhandlung durch Bombentreffer total zerstört und mit ihr auch die gesamten Buchbestände.

Die "neue" Geschichte des späteren "Kronen-Verlag" beginnt insofern inmitten eines Trümmerhaufens, nämlich dem Berlin nach Kriegsende. Die Überlebenden der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges (die Volkszählung ergab, dass die Einwohnerzahl von 4,3 auf 2,8 Millionen gesunken war) kämpften um das tägliche "Leben" und waren bereit sich von ihrem Besitz zu trennen, um Unterkunft und Lebensmittel erwerben zu können. Der Gedanke an Bildung, an Wissenschaft fand in diesem täglichen Kampf zunächst wenig Gehör. Einer der ersten Männer Berlins, die den Begriff von Kriegsende, zunehmender Freiheit auch mit Bildung und wieder freiem Gedankentum verbanden, war Erich Cramer. Er gehörte zu den Pionieren des Buchhandels, die mit Mut einen neuen Anfang machten.

Er entschloss sich wieder eine Buchhandlung zu eröffnen. Und das bereits im August 1945. Aus dem Stand gelang ihm der Neuanfang und schließlich 1946 der Bezug der neuen Geschäftsräume in der Potsdamer Straße 180-82. Spezialisiert war die Buchhandlung auf Architektur, Bautechnik und Kunstgewerbe. Zusätzlich gab es eine angeschlossene Reise- und Versandabteilung.
Die Eröffnung einer Buchhandlung... eine, wie es aus heutiger Sicht vielleicht erscheint, musste aberwitzige Idee, denn angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Not war nicht daran zu denken neue Bücher zu verlegen, zu groß war der Mangel an Kapital, Papier und Druckerpressen. Doch Erich Cramer fand eine einfache Lösung: Er kaufte den Menschen ihre Bücher ab. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, denn so wurden die Bücher einerseits kein Raub der Heizöfen und konnten weiterverkauft werden, andererseits erhielten die ursprünglichen Besitzer Barmittel, um ihre tägliches Leben bestreiten zu können.




Und mit der Eröffnung einer Buchhandlung hatte er die richtige Entscheidung getroffen, denn trotz der mangelnden Versorgung mit Wohnrum und Lebensmitteln entwickelte sich bereits unmittelbar nach dem Krieg ein, wenn auch überschaubares und bescheidenes, aber trotzdem bemerkenswertes kulturelles Leben. Theater und Kinos eröffnen, zuvor verbotene Kunst und Bücher werden den Menschen wieder zugänglich gemacht, Zeitungen, wenn auch mit kleiner Auflage und durch Lizenzen geregelt, erscheinen und das Radio spielt im öffentlichen Leben wieder eine "befreite" Rolle. In diesem "Konzert der kulturellen Befreiung" sind Bücher selbstverständlich ein bedeutsamer Bestandteil.

Und es waren keine einfachen Zeiten. Berlin war besetzt von den Siegermächten. Die innere Organisation war zusammengebrochen. Die Sieger versuchten ihre jeweiligen Gesetze in den besetzten Territorien umzusetzen. In der sowjetische Zone erschien am 10.06. 1945 der Befehl Nr. 19 "zur Verbesserung der Arbeit der Verlage und Druckereien und der Regelung der Kontrolle ihrer Tätigkeit" heraus. Der Befehl regelt "die Herausgabe von Zeitungen, Büchern, Zeitschriften, Plakaten, verschiedenartigen Flugblättern, Aufrufen und Parteiliteratur nur in solchen Verlagen und Druckereien oder auch Vervielfältigungs-Apparaturen, für die eine spezielle Genehmigung durch die sowjetische Militärverwaltung erteilt" worden ist. Er ist Grundlage des Lizenzwesens in der sowjetischen Zone.
Die amerikanischen und britischen Militärregierungen erlassen für ihre Sektoren Vorschriften über die Kontrolle von Rundfunk, Film, Theater, Musikveranstaltungen und Druckschriften. Einschlägige Tätigkeiten erfordern Genehmigung und Registrierung durch die zuständigen Militärbehörden.
Aber all dieses schreckte Erich Cramer nicht und er begann zielstrebig sein Geschäft aufzubauen. Auf diese Art und Weise entstand innerhalb kurzer Zeit die größte Buchhandlung Berlins. Insgesamt beschäftigte Erich Cramer 20 Mitarbeiter.

1948 entwickelte Erich Cramer die Idee zur Gründung einer buchhandelseigenen, zweistufigen Buchgemeinschaft. Zusammen mit dem Berliner Buchhändler Kurt Meurer (1901-1991) und mit finanzieller Unterstützung des Börsenvereins wurde diese Idee intensiv verfolgt. Allerdings gelang es nicht die Interessen der verschiedenen Sparten des Buchhandels auf ein gemeinsames buchhändlerisches Unternehmen auszurichten.
In der Anfang 1948 verfassten Denkschrift zu einer "Buchgemeinschaft des Deutschen Buchhandels" wurde der mögliche Erfolg mit rund drei Millionen Buch-Abonnenten veranschlagt. Später übernahm dann Reinhard Mohn vom Bertelsmann-Verlag diese Idee und setzte sie in die Realität um. Mit seinem Unternehmen in Berlin baute Erich Cramer einen ansehnlichen Mitgliederbestand für den Lesering auf.
Doch Erich Cramer zog es weiter. Die Zustände in Berlin wurden immer schwieriger. Russland hatte versucht Berlin zu isolieren und es zeichnete sich ab, dass aus den vier Besatzungsmächten keine Freunde werden würden. Er beschloss in Frankfurt einen eigenen Verlag zu gründen. Frankfurt bot sich als Stadt der Buchmesse zunächst förmlich an.
Nach Gründung des Verlages in Frankfurt übernahm sein Bruder Herbert die Leitung der Buchhandlung in Berlin.

Erich Cramer gründete den Kronen-Verlag am 04. Oktober 1950 in Frankfurt, in der Kronbergstraße 27, aber auch hier hielt es ihn nicht lange. Wieder sollte sein Unternehmen umziehen.
Ende November 1953, wurden entsprechende Geschäftsräume in der Hamburger Innenstadt, nahe dem Hauptbahnhof, im Steindamm 9 beschafft. Mitte Januar 1954 zog der Verlag, und mit ihm fast seine gesamte Belegschaft, nach Hamburg - so wie die Mitarbeiter ihm schon von Berlin nach Frankfurt gefolgt waren. Einige Jahre später siedelte sich der Verlag endgültig, im Herzen von Hamburg-Altona, in der Donnerstraße an. Hier wurde am 03. Oktober 1975 auch 25jähriges Bestehen gefeiert.

Der Umzug nach Hamburg hatte ausschließlich persönliche Gründe, denn neben dem Verlegertum und der Liebe zur Natur galt seine Leidenschaft der Seefahrt. Bereits am 05.04.1936 erhielt er in Stettin auf der Seefahrtschule das "Zeugnis über die Prüfung zum Sportseeschiffer" und im folgenden Jahr das "Zeugnis zum Sporthochseeschiffer".

Gesegelt wurden Regatten auf Nord- und Ostssee - nicht immer zur Freude der Mitsegler:

"In der letzten Woche war ich mit meinem Schiff mal wieder auf Helgoland, zum Leidwesen meiner Frau und den übrigen Mitseglern bei ungünstigem Wetter. Die Nordsee ist bei sieben Windstärken ein sehr unebenes Pflaster und Neptun konnte sich über die Opferwilligkeit meiner Besatzung nicht beklagen. Ich kann eine solche Fahrt durch Sturm und Regen sehr genießen."
Erich Cramer war in zweiter Ehe mit Ingeborg Rudolph, die er in Berlin kennen lernte, verheiratet. Die Vermählung fand im Sommer 1954 in Hamburg, nach dem Umzug des Verlages, statt.

Ingeburg Ruth Lieschen Rudolph wurde am 12.12.1919 in Berlin geboren. Sie stammte aus einem evangelischen Elternhaus. Ihre Eltern waren Auguste Marie Lieschen Liwerski, die 15.12. 1897 in Berlin geboren wurde und im April 1918 den, ebenfalls in Berlin zur Welt gekommenen und ein Jahr jüngeren Kunstmaler und Musketier, Lothar Friedrich Rudolph, heiratete. Er fiel am 30.04.1945, also eine Woche vor Kriegsende, im Spreewald.
Auguste Liwerski starb, wie ihr Mann im letzten Kriegsjahr, kurz vor Kriegsende 1945, auf einem der Flüchtlingstrecks, die vor den einmarschierenden russischen Truppen nach Westen flohen.
Die Kriegsjahre verbrachte Ingeborg Rudolph in Oslo, Norwegen. Sie galt als Organisationstalent und war so in der Lage ihre noch in Berlin lebende Familie zu unterstützen.
Vor der Eheschließung mit Erich Cramer war auch sie Buchhändlerin. Später, bereits in Frankfurt, arbeitet sie im Kronen-Verlag und unterstützte später zeitlebens ihren Mann bei seiner verlegerischen Tätigkeit. Sie wurden Eltern eines Sohnes und einer Tochter.

Fernweh
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte die Verwirklichung seines Traumes einer Weltumsegelung. Aber mit seinen ausgedehnten Reisen durch Afrika und Indien gelang es ihm später sein Fernweh zu befriedigen.

Von einer seiner zentralafrikanischen Reisen brachten Ingeborg und Erich Cramer einige hundert selbstgefangene Insekten und Käfer mit, u.a. ein Falterpaar, das für die Wissenschaft eine Novität darstellte und jetzt den Namen "rhipidarctia crameri sp. n." trägt. Es wurde von seiner Ehefrau in Masindi, Uganda, entdeckt.
S. G. Kiriakoff beschreibt den Falter 1961 in seiner Veröffentlichung "Die Thyretidae (Lepidoptera: Notodontoidea) der Zoologischen Staatssammlung München. II. Beitrag" (vol.51: pp.96-110) eine neue Apisa (A.) hildae (Okahandja, SW Africa); Rhipidarctia (R.) crameri (Masindi, Uganda).
Nachdem Erich Cramer die gesammelten Tiere an die Zoologische Sammlung des Bayerischen Staates geschickt hatte, erhielt er von Dr. W. Forster, mit dem er bereits zusammenarbeitete, folgendes Schreiben:
"(...) Herr Dr. Kiriakoff vom Museum in Gent hat einen Teil der von Ihnen gesammelten Nachtfalter bearbeitet und interessante Tiere festgestellt. U.a. befand sich unter den in Masindi gefangenen Tieren eine neue Art, die unter dem Namen Rhipidarctia crameri spec. nov. beschrieben wird. Ich kann Sie also zum Erfolg Ihrer Sammeltätigkeit nur beglückwünschen, denn ich nehme an, dass auch unter den bis jetzt noch nicht bearbeiteten Tieren manches Interessante steckt."

Auszeichnungen
1961 verlieh der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Erich Cramer für seine Verdienste um den Buchhandel das Ehrenzeichen des Börsenvereins in Silber.
Frankfurter Buchmesse und  Messe in Paris

Frankfurter Buchmesse und Messe in Paris

 
Neben dem Verlag gründete er eine weitere Firma, SIMA-Bildglas GmbH, die die bekannten Bilder-Wechselrahmen herstellte, deren Patent er hielt.

Erich Cramer starb in seiner Wahlheimatstadt Hamburg, diesem Tor zur Welt, am 16. Dezember 1977, friedlich in seinem romantischen Gustav-Frenssen-Haus in Blankenese hoch über der Elbe, mit dem weiten unverbauten Blick über den Fluss, auf dem Schiffe aller Herren Länder vorbeifahren und inmitten der vielen von seinen Reisen mitgebrachten Erinnerungs- und Kunstgegenständen und umgeben von, wie sollte es auch anders sein - Büchern, Büchern und nochmals Büchern.


Der Verlag arbeitet weiter:
Hinter einem erfolgreichen Mann steht oft auch eine starke Frau...

Der Erfolg des Kronen-Verlag ist sehr stark auch der Mitarbeit von Ingeborg Cramer zu verdanken, denn sie sorgte oftmals für "den guten Geist" in den vielen Beziehungen, die sich aus der Verlagstätigkeit ihres Mannes ergaben und die notwendigerweise auch auf der rein menschlichen Ebene gepflegt werden mussten.

Zum Geburtstag oder zu Weihnachten wurden persönliche Geburtstagsgeschenke verschickt und manche Einladung sorgte dafür, dass aufgebaute Spannungen, die aus den unterschiedlichen Interessen und Empfindlichkeiten eines Verlegers, eines Künstlers und mehrerer Wissenschaftler (die zumal nicht immer einer Meinung waren) resultierten, beigelegt wurden. Insbesondere die Künstler und Mitarbeiter schätzten sie und viele Kontakte hielten sich aufrecht, auch über den Tod Ihres Ehemannes oder das Ausscheiden aus der Firma hinaus.
Nach dem Tode von Erich Cramer führte seine Frau Ingeborg den Verlag weiter, wobei der Einzug neuer Techniken, modernerer Vertriebswege und veränderte Marktverhältnisse die Erwirtschaftung der notwendigen finanziellen Deckungsbeiträge, die eine Modernisierung des Verlags erlaubten, langfristig und in der bestehenden Form ohne erhebliche Investitionen unmöglich machte.

Drei Jahre vor ihrem Tode in Hamburg verkaufte Ingeborg Cramer den Verlag samt allem Bildmaterial und Bildrechten an ihre Tochter Susanne, die zuvor im Ausland studiert und anschließend im elterlichen Betrieb eine Lehre als Verlagskauffrau absolvierte.
Am 29.11.1996 starb Ingeborg Cramer, wie zuvor ihr Ehemann, in Hamburg-Blankenese.



Wie ging es weiter?
Die eigentliche Verlagstätigkeit wurde nach ihrem Tode eingestellt.
Erst im Jahre 2006 wurde der Entschluss gefasst sämtliche Zeichnungen und Werke erneut aufzubereiten und im Internet zu veröffentlichen.
Über zweitausend Originalwerke mussten zunächst erfasst und dann gescannt werden, um dem breiten Publikum die wertvollen und wunderschönen Zeichnungen, die eine einzigartige und sicherlich eine der größten weltweit existierenden Sammlung dieser Art darstellen, wieder zeigen zu können und gleichzeitig eine zeitgemäße und vielseitige Vermarktung der Werke zu ermöglichen. Gezeigt werden jetzt auch noch niemals veröffentlichte Zeichnungen, die entstanden, bevor sie in einem neuen Werk zusammengefasst werden konnten.

Die Idee
Der Kronen-Verlag wurde von Erich Cramer mit der Idee gegründet, von typischen Beispielen aus der Natur Darstellungen zu veröffentlichen, die naturwissenschaftlich in Form und Farbe exakt sein, dabei aber auch eine treffende Vorstellung von der Vielfalt und ästhetischen Schönheit der einzelnen Arten geben sollten. Durch die Mitarbeit hervorragender Künstler und zahlreicher Wissenschaftler entwickelte sich die Werk-Sammlung zu einer bedeutenden, in der Welt auch heute noch einmaligen Publikation.

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