Die Entstehung

Die Einzigartigkeit der Werke beruht zum Wesentlichen auf der Tatsache, dass verschiedene namhafte Künstler ihrer Zeit von Erich Cramer mit der Anfertigung der Zeichnungen beauftragt wurden.
Jedes Bild, jede Zeichnung wurde anschließend von zeitgenössischen Wissenschaftlern der jeweiligen Fachrichtung über Monate ausgiebig diskutiert, teilweise korrigiert oder verworfen, teilweise komplett neu gezeichnet. Bei diesen Diskussionen ging es um die korrekte Wiedergabe der kleinsten Details, sei es die Flossenstellung eines Fisches, die Biegung eines Blütenblattes oder die Farbschattierungen eines Pilzes. Nicht immer waren die Künstler mit der Kritik der Fachleute einverstanden, wie den Korrespondenzen, die teilweise sogar auf der Rückseite der Originale geführt wurden, zu entnehmen ist.

Ebenso bestand eine teilweise argwöhnische Konkurrenz zwischen den einzelnen Zeichnern. Von einzelnen Pflanzen oder Tieren gibt es sogar Zeichnungen verschiedener Künstler. Das umfangreiche Vogelwerk wurde sogar zweimal komplett gezeichnet. So schrieb im Februar 1958 Karl Grossmann als Replik auf eine Kritik an seinen Zeichnungen: "Ich kann sehr gut verstehen, dass die Tafeln von Caspari mit dem ausgeführten Beiwerk kräftiger aussehen, da ja auch die dazugehörigen Schmetterlinge alle sehr viel kräftiger in der Farbe sind, als die mir zugeteilten....".
Auch Erich Cramer nahm direkten Einfluss auf die einzelnen Darstellungen: "...ich denke, dass Sie die Stängel unterhalb der Blüte, den Sie dunkler gemacht haben, so verdünnen müssten, dass daraus der perspektivische Eindruck des nach hinten durchgebogenen Stängels entsteht."

Auf diese Weise wurde praktisch jede einzelne Zeichnung mit den einzelnen Künstlern brieflich diskutiert, wobei gelobt aber auch kritisiert wurde. Oft stand Erich Cramer als Vermittler zwischen den Wissenschaftlern und den Künstlern, und musste dazu noch mache Krise mit den Druckerein lösen.
Der jährliche Besuch der Frankfurter Buchmesse wurde regelmäßig mit Reisen zu den verschiedenen Zeichnern verbunden, um das direkte Gespräch zu führen und neue Projekte zu diskutieren, bestehende Arbeitsaufträge durchzugehen, manchmal Missstimmungen beizulegen oder einfach nur um Freundschaften zu pflegen.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren wurden bereits diverse Naturkalender veröffentlicht, an denen verschiedene Künstler beteiligt waren. Außerdem erschienen um 1959 zwei Bände über "Pflanzenwunder der Alpen" mit 16 Tafeln und "Liebenswertes Meisenvolk" mit 8 Tafeln.
Über den zweiten Band schrieb Erich Cramer an den Maler Franz Murr: "Die Mühe, die uns die Herstellung dieser Bände gemacht hat, ist ihnen ja nicht anzusehen, aber vielleicht doch die Liebe und die Sorgfalt."
Aus diesem äußerst umfangreichen schriftlichen Gedankenaustausch zwischen Verleger und Künstlern resultierte ein lebenslanger und sehr umfangreicher Schriftwechsel, denn anders als es heute üblich ist, mussten noch "richtige" Briefe und Telegramme geschrieben werden. Internet-Telefonie, E-Mail existierten nicht und Telefonverkehr war nicht selbstverständlich, denn Telefone gab es nur vereinzelt und die Gespräche kamen auch nicht immer zustande, wurden unterbrochen oder waren von so schlechter Qualität, dass sich die Gesprächsteil-nehmer nicht verstanden.

Wie überall in Deutschland wuchs die Wirtschaft - das Wirtschaftswunder hatte begonnen! Auch das Verlagswesen stand einer rasanten Weiterentwicklung alter Drucktechniken bzw. der Erfindung neuer Bildbe- und -verarbeitungsmöglichkeiten gegenüber, die wiederum einen erheblichen Einfluss auf die Arbeit des Künstlers und die Anforderungen an ihn stellten. Dem gegenüber stand "... gerade jetzt, dass eine wunderschöne großblütige Orchidee im Aufgehen ist. Ich werde also morgen per Taxi hinausfahren; malen muss ich sie leider draußen, da es eine sehr empfindliche Pflanze zu sein scheint, die einen Autotransport nicht aushält."

Es standen sich also einerseits eine mit Raketengeschwindigkeit entwickelnde Gesellschaft, andererseits aber eine gemächliche Betrachtung des natürlichen "Verweilens" der Natur gegenüber.

Um den wahren Wert der Sammlung zu erkennen muss auch bedacht werden wie und unter welchen Umständen die Zeichnungen zustande kamen.

Die Künstler hatten keine Autos... Pflanzen mussten aber in der Natur besorgt werden. Man fuhr eben mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad. Gezeichnet wurde die Natur "vor der Tür", oder auch bei Urlaubsreisen. In vielen Fällen wurden Pflanzen per Post, in kleinen Plastiktüten steckend, verschickt. War eine Pflanze in München bereits verblüht, musste der Auftrag u.U. von einem anderen Künstler in Frankfurt, wo es noch Exemplare der gleichen Art gab, übernommen werden. Fanden die Zeichner nicht die gewünschten Pflanzen-exemplare, so wurden Wissenschaftler eingespannt, um diese zu besorgen. Und sogar der Verleger Erich Cramer wurde gebeten einen Wacholderzweig mit Beeren von Hamburg nach München zu schicken. Nachdem dieser nicht einfach zu beschaffen war, wurden auch die Verlagsmitarbeiter mit der Suche beauftragt.
So monierte der Maler Karl Grossmann: "Leider ließ es sich in diesem verrückten Frühjahr nicht vermeiden, dass mir z.B. die Blüten der Eiche und der Moosbeere verwelkt sind, während die anderen gemalt wurden. Ich will versuchen über Caspari wenigstens noch die Moosbeere zu erhalten, die jetzt sicher noch im Ismainger Moos in der Umgebung von München zu finden ist."

"Zur Zeit laufe ich hinter dem noch vom vorigen Jahr ausstehenden Ginster her, der bis jetzt noch nicht blüht, das er aber Anfang Juni noch tut, wie ich hoffe. Leider ist der einzige sichere Standort hinter Eppstein im Taunus."

Leider war das Finden nicht immer die reine Freude. Alleine für die Purpurweide war ich 6 mal bis Halb in Aschaffenburg. Besondere Sorgen mache ich mir um folgende Pflanzen, die ich noch nicht gefunden habe. Ich bitte bei Dr. Nothdurft anzufragen, ob er den genauen Standort kennt und für einen normalen Mitteleuropäer auch auffindbar angeben kann. Angaben wie "nördliche Pfalz" sind natürlich unbrauchbar..."

"Ich fahre morgen nach Oberrhein, wo ich nach genauer Beschreibung den Wilden Wein zu finden hoffe."

Und über allem schwebte der Zeitdruck, das geplante Werk zum richtigen Zeitpunkt umzusetzen und - der perfektionistische Geist Erich Cramers.
Für die Künstler bedeutet das, dass Tafeln teilweise mehrmals umgestaltet werden mussten, was natürlich in der Regel auch dazu führte, dass Gelder erst verspätet flossen. Andererseits belegen umfangreiche Briefwechsel mit allen Künstlern, dass auf jede Bitte um Vorschuss, dieser auch gewährt wurde. Auch diese finanzielle Fürsorglichkeit, wobei nichts verschenkt wurde, verband Erich Cramer mit "seinen" Graphikern und führte dazu, dass mit einigen von ihnen, wie insbesondere Claus Caspari, Franz Murr und Karl Grossmann über viele Jahre eng zusammengearbeitet wurde. Sie konnten sich darauf verlassen, dass ihnen geholfen wurde, sollten unerwartete Ausgaben für beispielsweise Krankenhausaufenthalte naher Familienangehöriger bevorstehen.

Die Reisen:
Jedes Jahr wurden Reisen beispielsweise nach Afrika veranstaltet, die sich über mehrere Wochen hinzogen. Reisen ohne Komfort auf einfachen Schiffen, Flugzeugen oder per Eisenbahn und ohne den heute üblichen Luxus, auf unbequemen Wegen und Straßen, sofern diese überhaupt vorhanden waren, untergebracht in teils äußerst primitiven Unterkünften bei widrigen Wetterbedingungen, von Krankheiten befallen, wurde die Natur erforscht und die Möglichkeit gesucht Tiere in ihrem tatsächlichen Lebensumfeld zu studieren und zu skizzieren. Nur so war es möglich den Charakter der einzelnen Gattungen naturgetreu wiederzugeben.
Und auf diese Weise wurden die Zeichnungen der Natur schließlich eines der letzten großen Entdeckungs- und Verlagsabenteuer des letzten Jahrhunderts.

Reisen in der damaligen Zeit war mit vielfachen Abenteuern verbunden. Gerade Erich Cramer als Verleger versuchte die "wahre Natur" der Pflanzen und Tiere, die er veröffentlichte zu erkunden und zu erkennen.
1955 begab sich Erich Cramer auf eine Reise nach Marokko, von der er berichtet: "Es ist ein äußerst interessantes Land, Marokko, und augenscheinlich ist der Aufenthalt dort gar nicht so ungefährlich. Es bestehen sehr starke Spannungen zwischen den Arabern und Berbern einerseits und der französischen Protektorats-Regierung andererseits. Terroristengruppen beider Lager bekämpfen sich mit Leidenschaft und Ausdauer und die ansässigen Europäer schleppen alle eine Waffe mit sich herum und verschließen abends ihre Häuser und Wohnungen sorgfältig. Gerade an dem Tage, als wir in Marrakesch waren wurde dort in einem Café der Sekretär des Paschas von Marrakesch von einer Bande, die mit automatischen Gewehren ausgerüstet war, in aller Öffentlichkeit umgelegt.
Wenn man sich als Reisender die Verhältnisse dort ansieht, ist man auch erstaunt, sogar erschüttert, zu sehen, welche sozialen Unterschiede bestehen. Auf der einen Seite die Eingeborenen, die zum allergrößten Teil in schlechteste Lumpen gehüllt ohne Obdach vegetieren und auf der anderen Seite die Franzosen mit ihren wunderbaren Villen und Landhäusern und ihrem, ich möchte sagen, schamlos zur Schau gestellten Luxus. (...) aber trotzdem ist es mir mit List und Tücke gelungen, eine ganze Anzahl interessanter Bilder festzuhalten.."

Im Oktober 1958 schrieb er an den Maler Franz Murr: "Es wird sicher noch einige Zeit vergehen, bis ich mich bei Ihnen melde, weil ich am 5. des nächsten Monats von Frankfurt aus mit dem Flugzeug nach Stanleyville fliege und dann von dort aus nordöstlich durch den Regenwald nach dem Viktoria-, Albert- und Kiwusee reise. Ich möchte mir einen Eindruck verschaffen, wie die Tiere, die wir in unserem Säugetier-Werk abbilden, in freier Natur aussehen. Die Reise in Afrika wird nur 3 Wochen dauern. Ich glaube, es ist aber alles gut vorbereitet und organisiert, so dass ich hoffe, in dieser Zeit sehr viel zu sehen."

"Meine Reise, die mich wahrscheinlich durch den interessantesten Teil Zentralafrikas geführt hat, war äußerst eindrucksvoll und fast alle dort vorkommenden Großtiere habe ich beobachten, fotografieren und filmen können, zum größten Teil aus nächster Entfernung, auch Löwen und Leoparden. Die Reise hatte nur einen Nachteil, dass wir in den 16 Tagen eine Strecke von rund 2.500 km im Auto zurücklegten und das hauptsächlich auf nicht mehr als Feldwegen durch Urwald und Steppe."

Ein Jahr später fand erneut eine Afrika-Reise statt, diesmal begleitet von Frau Dr. Heinroth, Deutschlands erster Zoodirektorin und dem Tiermaler Wilhelm Eigener, der viel für den Kronen-Verlag arbeitete.
"Mein Frau und ich sind aus Afrika glücklich wieder nach Hause gekommen. Wir haben eine wunderbare und interessante Zeit verlebt. Von dem Tierreichtum der von uns bereisten Gebiete kann man sich hier in Deutschland wohl kaum eine Vorstellung machen und Frau Dr. Heinroth als Ornithologin fiel von einer Begeisterung in die andere. Wunderbar war zum Schluss die Erholung auf Sansibar, der paradiesischen, nach Nelken und anderen Gewürzen duftenden Insel. Unser stärkstes Erlebnis war vielleicht der Besuch bei den Gorillas auf einem der über 4.000 m hohen Virunga-Vulkane. Wir mussten uns in der Hitze durch dichtes Bambusgestrüpp den Weg bis 3.500 m Höhe bahnen, wo sich die Gorillas noch gar nicht einmal erfreut von unserem mit großer Anstrengung erkämpften Besuch zeigten. Ein Foto gelang mir nicht, aber das Zähnefletschen und Brüllen des stämmigen Gorilla-Männchens war doch recht eindrucksvoll. Meine Frau hat eine ganze Anzahl schöner Falter gefangen, auch einen Goliath-Käfer hat sie mitgebracht."

"Sieben Wochen Afrika liegen nun hinter uns, davon fünf Wochen im Kongo, Ruanda und Uganda, anschließend zwei Wochen in Kenia ( Nairobi, Mombasa, Malindi) und Sansibar und zum Schluss noch drei Tage in Kairo. Es war eine schöne und sehr erlebnisreiche Reise, auf der wir viele Tierbeobachtungen machen konnten. In Ruanda machten die Wahutus gerade kurzen Prozess mit den Watussis. Trotz allen Eifers, den sie dabei entwickelten, unterschieden die auch im Dunkeln erfreulicherweise weiß von schwarz. Nach einiger Aufregung konnten wir dann dieses unruhige Land glücklich verlassen."

Und, anders als in der heutigen Zeit, bewaffnet mit Blackberries und dergleichen, gab es wenig Kontaktmöglichkeiten mit dem Büro in der Heimat. Zumeist musste eine Postkarte genügen. So schrieb ein Mitarbeiter des Kronen-Verlag an einen der Künstler: "Auch wir haben inzwischen Nachricht von Herrn Cramer aus Afrika bekommen, und zwar am Montag insgesamt vier Postkarten. Dann rief uns vor einigen Tagen der Reiseleiter vom Cook-Reisebüro an, der die Reisegesellschaft durch Belgisch-Kongo begleitet hatte, und teilte uns mit, das alle Teilnehmer gesund Belgisch-Kongo verlassen haben und sich jetzt in Kenia, das ja zum britischen Mandatsgebiet gehört, aufhalten."
Aber die Kontakte waren sehr unregelmäßig: "Gestern erhielt ich eine Karte aus Entebbe am Viktoriasee... schrieb er nichts, wohl aber von einem bösartigen Elefanten, der große Aufregung verursachte."

"Wir sind in den ersten 14 Tagen, als wir gar nichts hörten, sehr besorgt gewesen, weil die Zeitungen von Unruhe in Stanleyville geschrieben haben. (...) Nachdem am Sonnabend erst wieder von neuen Unruhen aus dem Gebiet Ruanda/Urundi berichte wurde, das ja vorzugsweise von der Reisegesellschaft besucht werden sollte,..."
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